Stahlröhrensuper





Die großen Röhren der Stahlröhrenserie von 1938 haben mich schon als jungen Burschen fasziniert, weil sie  - abgesehen von den Glasröhren wie ECL11 oder UCL11 - einfach anders aussahen.  Viele Apparate aus jener Zeit hatte ich ja sträflicherweise zerlegt, und so besitze ich eine Menge Röhren dieses Typs. Wo allerdings die vielen Sockel geblieben sind, ist mir bis heute noch ein Rätsel.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Bau eines Empfängers mit Stahlröhren bei mir auf der Tagesordnung stand.
Werner W. Diefenbach, ein begnadeter Radiospezialist und Funkamateur, hat eine Vielzahl von Empfängern mit Stahlröhren noch in den Nachkriegsjahren veröffentlicht. Eine interessante Schaltung war damals ein Vorstufensuper für MW und mehreren KW-Bereichen bis 24 MHz, bestückt mit EF13, ECH11, 2xEF11, EBF11 und einer kräftigen EL12. Das Gerät war allerdings für einfache Überlagerung mit 460KHz ZF ausgelegt - die zu erwartende geringe Spiegelfrequenzdämpfung trotz Vorstufe wollte ich nicht in Kauf nehmen.
Es sollte dann schon ein Doppelsuperhet werden, der den dicken Signalen der Kurzwelle gerecht wird.

Das Konzept war relativ schnell klar, die entsprechenden Bauteile, wie Dreifachdreko, Wellenschalter etc. vorhanden.
Die Fassungen für die Stahlröhren mußte ich nachbeschaffen, nicht gerade kostengünstig. Aber Stahlröhrensockel sind selbst
schwierig herzustellen.
Als erste ZF kam nur 1642KHz in Frage, da sich mit einem Standardquarz von 2097KHz aus der Bastelkiste in der zweiten Mischstufe leicht auf 455KHz umsetzen lässt. Damit war die Stufenfolge des Empfängers klar, die geplanten Bereiche waren Mittelwelle und KW1 1,6-4 MHz als Einfachsuper mit 455 KHz, KW2 4-10 MHz und KW3 von 10-22 MHz als Doppelsuper.

Folgende Röhren sollten zum Einsatz kommen:

EF13 HF-Vorstufe
ECH11 1.Mischer
ECH11 2.Mischer
EF11 ZF-Verstärker
EBC11 Demodulator und BFO
EF12 NF-Vorverstärker
EL11 Lautsprecherendröhre

EM5 Magisches Auge



Eine passende Gleichrichterröhre, wie die damals häufig verwendete EZ12, fehlte leider in meinem Bestand - so müssen zwei Germanium-Netzgleichrichter OY101 diese Aufgabe verrichten.



Das Beste ist, wir sehen uns den Schaltplan an, die aufgetretenen Schwierigkeiten und die weiteren Funktionen sind so leichter erklärbar.


Die in der Vorstufe verwendete, rauscharme Pentode EF13, erwies als gut geeignet und kaum schwinganfällig. Sie bleibt auch im MW-Bereich eingeschaltet. Mit dem "nassen Finger" ergibt sich daher schon sehr guter Empfang. In der Kathode ist die Vorröhre zusätzlich noch abregelbar.
Die ersten Versuche mit der geplanten ECH11 im ersten Mischer verliefen enttäuschend. Diese so hochgelobte Röhre, die damals sogar noch im UKW-Bereich eingesetzt wurde, zeigte leider in den KW-Bereichen eine extrem starke Abhängigkeit der Oszillatoramplitude bezogen auf Bandanfang und Bandende. Alle bekannten Maßnahmen, wie Dämpfung des Gitters, andere Windungszahlen usw. führten nicht zum gewünschten Erfolg. Die daraus resultierende, unterschiedliche Empfindlichkeit des Empfängers war so nicht hinnehmbar. Auch andere Exemplare der ECH11 aus meiner Sammlung zeigten ein ähnliches Verhalten.
Die moderne ECH81 hat diese Erscheinung nicht, aber sie paßt so ganz und gar nicht in den Stahlröhrensuper. Etwas nostalgisch Gutes mußte her - und ich wurde fündig:  eine ECH71 von LORENZ!
Dieser Einzelgänger meiner Sammlung, elektrisch identisch mit der Loctalröhre ECH21, zeigte über den gesamten Abstimmbereich kaum eine Veränderung der Oszillatorspannung ihrer Triode. Ich mußte vom reinen Stahlsuper abweichen und als ersten Mischer diese ECH71 einsetzen.
Für die Umsetzung auf die 2.ZF versieht eine ECH11 ihren Dienst ohne Probleme. Im Mittelwellenbereich und auf KW1 arbeitet das Gerät als Einfachsuper. Der 2097 KHz-Oszillator und das ZF-Filter für 1642 KHz sind über den Wellenschalter bei diesen Bereichen ausgeschaltet, die Hexode der ECH11 arbeitet dann als zusätzliche, gedämpfte ZF-Verstärkerstufe. Eine weitere ZF-Stufe ist mit der bekannten EF11 und ihren guten Regeleigenschaften bestückt.
Demodulation und Regelspannungserzeugung für die Vorstufe EF13 und ZF-Stufe EF11 erledigt die nachfolgende EBC11. Der Triodenteil wird gleich als BFO herangezogen - ein Keramikresonator 455 KHz erzeugt die Injektionsfrequenz. Mit einem, in der Frontplatte angebrachten Poti mit Schalter, wird der BFO eingeschaltet und seine nötige Amplitude gesteuert.
  
Zuletzt folgt noch das NF-Teil, bestehend aus einer Glas-EF12 von RFT und der mächtigen EL11. Die 4,5W-Endröhre hat eine hohe Verstärkung, die EF12 ist deshalb nur als Triode geschaltet. Eine bassbetonende Gegenkopplung rundet das NF-Teil ab.
Ein Lautsprecher ist im Gehäuse nicht untergebracht, ein kleine externe Box leistet hier sowieso bessere Dienste.

Natürlich darf in keinem nostalgischem Empfänger ein Magisches Auge fehlen, wenn es auch letztlich wenig aussagekräftig ist.
Wegen ihres schönen Schirmbildes habe ich dafür eine EM5 mit Oktalsockel (EM35)gewählt. Deren Leuchtschicht hat sich als stark ermüdet herausgestellt, mit einer Spannungsverdopplerschaltung im Netzteil mußte ich ihr auf die Sprünge helfen.  Um die 550V Leuchtschirmspannung stehen an, was sie noch für ein paar Jahre am Leben erhält.










Wie auf den Bildern zu erkennen, besteht das Gehäuse aus Holz, die Frontplatte und das Chassis aus doppelseitig Cu-beschichtetem Epoydharzplatten.  Sie lassen sich einfach bearbeiten und Lötverbindungen sind überall möglich. Auf die Front wurde eine schwarze Folie aufgezogen. Die Skala ist selbst angefertigt, das Seil läuft auf ausgedienten Rollen alter Radioapparate.
Die zweigeteilte Rückwand enthält im unteren Teil Netzanschluß, Sicherung und Antennen/Erdungsbuchse. Zwecks der besseren Belüftung (die EL11 wird ganz schön warm) besteht das Oberteil aus perforiertem Alu-Blech.
Die Holzteile wurden gebeizt und lackiert, dies verleiht dem Gerät eine "edle" Komponente.

Nun zu den Empfangseigenschaften des Stahlröhrensupers.
Kurzum, ich bin begeistert. Sicher machen die starken Rundfunkstationen auf KW in den Abendstunden dem Röhrenmischer zu schaffen, aber die Kreuzmodulation hält sich in Grenzen.
Die Empfingdlichkeit dagegen ist hervorragend. Auf Mittelwelle mit Vorstufe zu hören macht richtig Spass, es gelingt der Empfang von vielen lokalen, schwachen Sendern. Die Frequenzstabilität auf den KW-Bändern ist natürlich nicht überragend, auf dem 15m-Band mit BFO muß man schon mal nachziehen. Die zusätzliche Übersetzung von 6:1 beim Drehkondesatorantrieb ist angenehm, das Absuchen der Bänder wird einfach. Ein kleiner Trimmkondensator von einigen pF ist an die Frontplatte herausgeführt und als "LUPE" bezeichnet. Er liegt dem Oszillatordrehko einfach parallel und gestattet auf den höheren Bändern eine noch feinfühligere Abstimmung.

Die Wiedergabequalität bei AM-Empfang ist überzeugend. Da kann kein so modernes Schnick-Schnack-Radio mithalten.
Es hat sich gelohnt, die alten Stahlröhren aus ihrem Dornröschenschlaf zu holen


 

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