Tornister-Superhet mit Batterieröhren


Jeder echte Röhrengerätekenner vermutet natürlich hinter dem Begriff  "Tornister"  die Präzisionsempfänger der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Diese Gerätschaften, technisch ihrer Zeit weit voraus und äußerst robust aufgebaut, sind selten geworden und in den Händen von wenigen Dutzend Menschen. Die Preise bewegen sich im astronomischen Bereich, selbst für Fragmente davon.
Vermutlich werde ich keines dieser Geräte je besitzen, aber der Zufall wollte es, daß ich ein Gehäuse erstehen konnte, in dem man eine Art "Tornisterempfänger" unterbringen konnte.
Eine RLC-Messbrücke von Marconi war da einmal enthalten, leider vollkommen zerstört. Aber das Klappgehäuse mit seinem Tragegriff gefiel mir.




Ein Geradeaus-Empfänger, wie ein Großteil der Wehrmachtsempfänger, sollte es nicht werden. Mir schwebte ein Superhet mit all seinen Vorzügen vor, bestückt mit Batterieröhren aus den Vierzigern.
Nach einigen Probeaufbauten entstand schließlich eine "reichlich aufwendige" Schaltung mit insgesamt 6 Wellenbereichen:


Bereich 1 1,8 - 2 MHz
Bereich 2 3,5 - 3,9 MHz
Bereich 3 4,7 - 5,1 MHz
Bereich 4 5,8 - 6,3 MHz
Bereich 5 6,9 - 7,4 MHz
Bereich 6 13,9 - 14,7 MHz




Ein Blick auf das aufgeklappte Gerät zeigt die Anordnung der Bedienelemente. Die Frontplatte ist aus einer 4mm-Pertinaxplatte hergestellt und in "Wehrmachtsgrau" lackiert. Im Deckelboden ist das Schaltbild eingeklebt, links am Gehäuse ist der Hauptschalter und der Anschluß für einen externen Lautsprecher untergebracht. Die schwarze Buchse links oben ist der Netzanschluß. Denn entgegen meines ursprünglichen Vorhabens, ist das Gerät mit einem Netzteil für 230V ausgestattet.
Der Betrieb mit Batterien ist zwar möglich - jedoch vollkommen unwirtschaftlich. Man würde 2,4V/500mA und 90V/30mA benötigen.


Bevor wir uns der Schaltung zuwenden, noch ein paar Worte zu den verwendeten Röhren.
Vorversuche haben gezeigt, daß die hier eingesetzten russischen und amerikanischen Röhren die beste Wahl sind.
Die russische 2SH27L mit Loktalsockel ist ein Nachbau der Wehrmachtspentode RV2,4P700, aber viel robuster aufgebaut. Normalerweise befindet sie sich in einer Aluminium-Behausung, bei vielen Exemplaren habe ich diese jedoch entfernt, zwecks der Optik. Die Loktalfassungen sind selbst hergestellt, mittlerweile gibt es diese wieder in guter Qualität zu kaufen.
Die US-Röhren 3A8GT und 1D8GT mit Oktalsockeln sind Mehrfachröhren mit jeweils 3 Systemen. Würde man sie mit deutschen Bezeichnungen versehen, wäre die 3A8 eine DACF3x, also Diode, Triode und HF-Pentode.
Als DACL3x  müsste man die 1D8 benennen, sie enthält eine Diode, eine Triode und eine Leistungspentode.

In dem vorgestellten Gerät werden alle Systeme voll ausgenutzt, wie wir gleich sehen werden.

Nun zur Schaltung:


Befassen wir uns zunächst mit der Beheizung der Röhren. Die 2SH27L benötigt 2,2V/60mA, die Amerikaner jedoch 2x1,4 bzw. 1,4V. Ein mit dem bekannten LM317 aufgebauter Spannungsregler liefert 2,2V, zur Herabsetzung der Heizspannungen erhalten die beiden amerikanischen Röhren jeweils eine Diode 1N4007 in Reihe - ergibt 1,5V- passt!
Die benötigte Anodenspannung von 100V erzeugt der TL783, ein Hochvoltregler. Der Minuspol wird über eine Zenerdiode an Chassis-Masse geführt. So erhält man die negative Vorspannung von -9V für die Endpentode der 1D8GT und letzlich ca. 90V Anodenbetriebsspannung.
Der Rest des Netzteils um den bekannten Engel-Trafo ist selbsterklärend.



Eine geschirmte 2SH27L arbeitet als HF-Verstärker. Zwei Pakete eines Dreifachdrehkos mit je 430pF Kapazität werden benutzt, um Gitter- und Anodenkreis abzustimmen. Ein kleiner, zusätzlicher Trimmer - als Antennenregler bezeichnet - stellt den Gleichlauf beider Kreise sicher und bringt noch eine erhebliche Empfindlichkeitssteigerung.
Zwei schaltbare Vorkreise sind vorgesehen: Bereich I von 1,8 MHz bis 5 MHz und Bereich II überstreicht etwa 5 bis 15 MHz. Obwohl die Röhren 2SH27L keine sog. Regelröhren sind, werden die Gitter des HF-Verstärkers und der ersten ZF-Stufe von der Regelspannung gesteuert. Es haben sich keine Verzerrungen feststellen lassen.

Die Mischstufe ist mit einer "entkleideten" 2SH27L bestückt und arbeitet additiv. Die Oszillatorspannung ist allerdings nicht über ein kleines Koppel-C, wie üblich, ans Gitter geführt, sondern an einen Heizfaden, also die Kathode. Diese Art der Einspeisung verhindert das sogenannte "Ziehen" des Oszillators, eine Frequenzänderung beim Abstimmen des Vorkreises. Die beiden Heizfäden der direkt geheizten Röhre mußten deshalb mit je zwei 470µH-Drosseln hf-mäßig hoch gelegt werden.

Der Oszillator mit seinen schaltbaren sechs Wellenbereichen schwingt immer 455 KHz oberhalb der Empfangsfrequenz und man kann unschwer erkennen - es handelt sich um eine Dreipunktschaltung. Nach etlichen Versuchen zeigte diese die beste Stabilität.

Der erste Zwischenfrequenzverstärker zeigt keine besonderen Schaltungskniffe. Eine weitere Verstärkung ist mit der besagten Mehrfachröhre 3A8GT realisiert. Von der Anode wird über ein kleines Koppel-C ein Teil der ZF abgegriffen und der Diode dieser Röhre zugeführt. Hier entsteht die Regelspannung, die bei AM-Empfang wirksam ist. Für SSB und Telegrafie erfolgt die Regelung mit Hilfe eines Potentiometers, in dem man den Röhren eine Spannung bis zu -9V zuführen kann.
Die Triode der 3A8GT arbeitet als Überlagerer. Ein 455 KHz-Keramikresonator und ein kleiner Drehko gestatten eine großzügige Frequenzänderung des BFOs.


Jetzt brauchen wir noch den AM-Demodulator und eine adequate NF-Verstärkung. Dies wird von der Röhre 1D8GT bewerkstelligt. Die Diode übernimmt die Demodulation, die Triode die Vorverstärkung und die enthaltene Leistungspentode die Endverstärkung. Bei 90V Anodenspannung kommen etwa 200mW zustande, was für eine gute Lautsprecherwiedergabe völlig ausreicht. Der kleine, kräftige Lautsprecher befindet sich in der Frontplatte. Auch Kopfhörerbetrieb ist nach Betätigung eines kleines Umschalters möglich.

Für ein, mit Batterieröhren bestücktes Gerät, sind die Empfangsleistungen des Tornisters unerwartet gut. Die hervorragende Frequenzstabilität des Oszillators hat mich selber überrascht. Die russische 2SH27L ist offensichtlich eine gelungene Konstuktion. Wie bei jedem Einfachsuper mit einer niedrigen Zwischenfrequenz ist die Spiegelfrequenzsicherheit zangsläufig nicht überragend, durch die fein abstimmbare HF-Vorstufe aber nicht sehr störend.
Vermutlich wird keiner von Ihnen, liebe Leser, dieses Gerät nachbauen - es soll vielmehr als Anregung dienen, mit Batterieröhren zu experimentieren.

Zum Abschluß noch ein paar Details vom "Tornisterempfänger".